GLÜCK – SINN
Diese Woche hat sich ein Gedanke immer wieder zwischen meine Termine geschoben. Leise, aber hartnäckig: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Glück und Sinn? Und noch komplizierter: Was, wenn ich das eine oft mit dem anderen verwechsle? UND … Erziehen wir unsere Kinder hin auf Glück, oder auf Sinn?
Glück ist, so scheint es mir, das, was sich leicht anfühlt. Es hat etwas Flüchtiges, fast Körperliches. Es ist dieses kurze Aufatmen, wenn ein Tag besser läuft als erwartet. Ein Moment, in dem man lacht, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Glück ist nicht unbedingt oberflächlich, aber es ist meistens situativ. Es entsteht im Jetzt, aus einer Konstellation, die sich nicht erzwingen lässt. Man kann Glück vorbereiten, vielleicht begünstigen, aber nicht befehlen.
Sinn dagegen ist sperriger. Sinn fragt nicht zuerst: Wie fühlst du dich? Sinn fragt: Wofür tust du das? Und manchmal ist diese Frage nicht erfüllend für einem. Denn Sinn hat eine eigenartige Eigenschaft: Er kann sich auch dann einstellen, wenn das Gefühl gerade nicht „gut“ ist. Ich habe das diese Woche besonders stark gemerkt. Es gab Tage, an denen ich müde war, innerlich leer, sogar genervt und trotzdem hatte ich am Abend das Gefühl, dass etwas getragen hat. Nicht Freude, nicht Euphorie, sondern eine Art stiller Grund. Etwas, das nicht glänzt, aber hält.
In der Philosophie spricht man oft davon, dass Glück und Sinn nicht identisch sind, aber ich glaube, im Alltag merkt man es erst, wenn sie auseinanderfallen. Wenn man einen Tag hat, der objektiv „gut“ war: angenehme Gespräche, keine Konflikte, alles funktionierte. Und trotzdem bleibt ein Rest Unruhe. So, als wäre das Leben zwar bequem, aber nicht wahrhaftig. Umgekehrt gibt es Tage, die schwer sind, voller Reibung, vielleicht sogar voller Zweifel und trotzdem sind sie bedeutsam. Als hätte man etwas getan, das nicht bloß konsumiert, sondern aufgebaut hat.
Ich ertappe mich oft dabei, Glück wie ein Ziel zu behandeln: etwas, das man erreichen muss, weil alle es erwarten. In manchen Momenten wirkt Glück wie eine Pflichtübung. Fast wie ein gesellschaftlicher Imperativ: Sei zufrieden. Sei dankbar. Sei positiv. Aber genau da kippt es. Denn Glück, das man leisten soll, ist kein Glück mehr, sondern ein weiterer Punkt auf einer unsichtbaren Liste.
Sinn lässt sich nicht so leicht instrumentalisieren. Sinn ist nicht „machbar“ wie ein Projekt. Er ist eher etwas, das entsteht, wenn man sein Leben nicht nur als Abfolge von Erlebnissen versteht, sondern als etwas, das eine Richtung hat. Und Richtung bedeutet nicht, dass alles klar ist, es bedeutet nur, dass man nicht völlig zufällig unterwegs ist.
Was mich diese Woche beschäftigt hat, ist die Frage, ob wir Kinder und auch uns selbst zu oft auf Glück hin erziehen, statt auf Sinn. Natürlich will niemand, dass ein Kind leidet. Aber wenn wir Glück als Hauptkriterium setzen, wird jede Schwierigkeit automatisch verdächtig. Dann wird Frust zum Feind, Langeweile zum Problem, Traurigkeit zum Fehler. Dabei sind genau diese Zustände oft die Übergänge, in denen ein Mensch lernt, dass das Leben nicht immer angenehm sein muss, um wertvoll zu sein.
Vielleicht ist das eine der größten pädagogischen Illusionen unserer Zeit: dass ein gutes Leben sich vor allem gut anfühlen müsse. Ich glaube das nicht. Ein gutes Leben kann sich zeitweise unerquicklich anfühlen, weil es Verantwortung enthält. Weil es Verzicht kennt. Weil es Treue verlangt zu Menschen, zu Aufgaben, zu sich selbst. Und doch kann genau das ein Leben sein, das man bejahen kann.
Ich habe diese Woche an einem Punkt gemerkt, wie leicht man Sinn mit Erfolg verwechselt. Erfolg ist sichtbar: Leistung, Anerkennung, Ergebnisse. Sinn ist oft unsichtbar. Sinn ist manchmal sogar still. Er zeigt sich nicht im Applaus, sondern im Nachklang. In dem Gefühl, dass man nicht einfach nur funktioniert hat, sondern anwesend war. Dass man nicht nur reagiert hat, sondern entschieden.
Vielleicht ist Sinn am Ende nicht etwas, das man findet wie einen verlorenen Schlüssel. Vielleicht ist Sinn etwas, das man lebt, lange bevor man es versteht. Und vielleicht ist Glück nicht der Beweis für ein gutes Leben, sondern eher ein Nebenprodukt, ein Geschenk, das sich gelegentlich einstellt, wenn man nicht krampfhaft nach ihm greift.
Wenn ich diese Woche in einem Satz zusammenfassen müsste, was mir geblieben ist, dann wäre es dieser:
Glück macht das Leben leichter ABER Sinn macht es tragfähig(er).
Und vielleicht sollte das ein Ziel unseres Seins sein: nicht permanent glücklich zu sein, sondern ein Leben zu führen, das auch dann noch Sinn hat, wenn es gerade nicht leicht ist.
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